Weitsprung-Gruppenreisen

Edinburgh, 2003

03.09.2003, Mittwoch

Wir treffen uns in Marburg vor dem Büro von Weitsprung, früh am Morgen, und dann geht es los. Wir sind Claudia und Wilhelm, Ernst, Torsten, Petra und Birgit. Mit dem Bus geht es zum Flughafen Köln-Bonn. Dort stößt Simone zu uns, die ebenfalls zu unserer kleinen Reisegruppe gehört. Edinburgh, die Hauptstadt von Schottland, wird unser Ziel sein.

Auf diesem kleinen Flughafen geht es recht gemütlich zu. Zumindest im Vergleich zum Frankfurter Flughafen. Fünf junge Menschen vom DRK mit freundlichen Gesichtern warten gemütlich, bis wir alle sieben Reisenden die Toiletten besucht haben. Dann geht es weite Gänge entlang, aber immer schön gemächlich. Ernst und Simone nehmen mit ihren Rollstühlen und ihrer Eskorte ein paar Extra-Wege. Dann geht es aufs Rollfeld, eine Treppe hinauf und wir sind im Flieger. Wir können uns Plätze aussuchen. Claudia und Willi lassen sich von der netten Stewardess verwöhnen, eingestimmt mit Bier und Baileys geht es nach Schottland. Der Flug ist wunderbar. Man kann auf das Meer sehen, und später die Highlands von Schottland. Wir ziehen über Edinburgh eine große Kurve und landen dann im Südwesten der Stadt. Wir sind gleich von dem schottischen Akzent unserer Flughafenhilfen fasziniert. Sie führen uns extra Wege entlang, und wir sind etwas überrascht über die schwere Bewaffnung der Sicherheitsbeamten, die hinter den normal zugänglichen Bereichen des Flughafens Streife laufen. Dann zur Gepäckausgabe und nun auf nach Edinburgh. Zwei Menschen mit Rollis, zwei mit Blindenstock und drei weitere Marburger, dazu sieben Gepäckstücke auf zwei Wagen - wir schaffen unseren Weg, doch wie Petra meint, unbemerkt bleiben wir nicht!

Wir verstauen uns in zwei dieser tollen schottischen Taxen und fliegen über die Autobahn – im Linksverkehr! Es geht nach Portobello, den ehemaligen Badeort und nun kleinen Vorort östlich von Edinburgh. Hier werden wir die nächsten 10 Tage bei Bed-and-Breakfast zu Hause sein. Wir beziehen unsere gemütlichen Zimmer in den hohen Räumen im alten Landhaus, mit den dicken Teppichen, den schweren, langen Übergardinen und vor allem den bunt gemusterten Wänden. Kleinste Blümchen in Pastell, Schlangenlinien, Kreise, Sternchen, Stuck an den Decken...Farben von tiefem Rot und Orange über Blau und Grün... hier hat sich jemand farblich austoben dürfen... ungewohnt, aber hat auch was Anheimelndes. Erst mal gibt es heißen Tee auf den Zimmern - Wieso haben nur die Briten diese tolle Erfindung der tea making facilities?

Kurze Pause, und dann ziehen wir los, um einen ersten Eindruck der Umgebung zu bekommen – und etwas zu essen. Wir spazieren auf der breiten glatten Promenade entlang. Wer hätte gedacht, dass Edinburgh so schöne Sandstrände aufzuweisen hat? Alles ist weitläufig und großzügig. Wir besuchen jedoch zunächst eine Lokalität in einem Hotel, im Bedford House Hotel. Das schottische Essen streitet hier nicht dem Ruf des englischen Essens den Rang ab. Dann promenieren wir Richtung Musselburgh, sitzen in der unerwartet warmen Sonne Schottlands, am Strand spielen Vater und Sohn Ball. Wir gehen mögliche Programmpunkte durch, ein dickes Input an Infos wird bewältigt. Morgen soll Princes Street, die Hauptader der Stadt, vielleicht mit Einkaufsbummel unser Ziel sein, zum geistigen Ankommen in der schottischen Hauptstadt.

Wir ziehen am Strand entlang nach Hause und nach einer Pause nach Portobello City, einmal die High Street entlang. Es gibt kleine Läden hinter dicken  bunten Holzfassaden mit großen Schaufenstern, Kaminläden, Antiquitätenläden, Takeaways, mit verschiedenen kulinarischen Richtungen, Pubs. An der Promenade ziehen wir zurück. Der Blick auf das Meer ist so verlockend, die Promenade leiser und breiter als die Straße. Hier treffen wir auch Menschen aus dem Sauerland: die Winterberger Metallarbeiter, die im neuen Parlament von Schottland Fenster einbauen. Im Pub „Old Pier“ lassen wir uns nieder. Wir probieren, welche Biere es gibt, Tennents ist ganz lecker. Torsten ist mutig, und bestellt sich einen Haggis-Tower (gefüllter Lammmagen). Das macht man nicht so oft im Leben (und Torsten wahrscheinlich nie wieder)...

Das Essen ist okay, aber die Preise sind besser nicht umzurechnen.

04.09.2003, Donnerstag

Heute fahren wir nach einem guten Frühstück in die Stadt hinein. Die Doppeldecker auf der Buslinie 26 werden unser Hauptverkehrsmittel; in der Princes Street mit den prächtigen alten Bauten steigen wir aus und stellen uns dem Großstadtgetümmel, das hier wohl am dichtesten ist. Das Scottmonument, Dudelsackpfeifer und Doppeldecker versüßen den Eindruck der Hektik. Wir wenden dem Lärm den Rücken zu und suchen Zuflucht in den Princes Street Gardens, Rasenflächen mit Bänken an steilen Hängen, auf denen sich die unterschiedlichsten Menschen ausruhen. Touristen und Einheimische, alte und junge Menschen bevölkern den Park. Der Blick richtet sich automatisch auf die wunderschöne Silhouette der Altstadt, die sich hinter der Senke mit dem Waverley-Bahnhof den Berg hochzieht. Am Ende des Bergrückens erkennt man das mächtige Castle von Edinburgh. Die Stadt wirkt imposant und alt durch die großen Bauten, Statuen weisen auf zahlreiche wichtige Menschen aus ihrer Geschichte hin, lebhaft durch die quirligen Menschen, die Fußgängerströme und die zahlreichen Busse und Taxen.

In der Touristeninformation besorgen wir uns die ersten Hinweise über Konzerte und Kulturveranstaltungen, tauschen Geld und tätigen erste Einkäufe. In der Tronkirche in der High Street, die zur Royal Mile gehört, soll es Audio-Guides auszuleihen geben, was für Claudia und Willi als stark sehbehinderte bzw. blinde Menschen besonders interessant wäre. So suchen wir diese Kirche, die als einzige Straßenpflaster aus dem 16. Jh. enthält, auf. Leider ist der Guide gerade nicht auf deutsch zu haben.

Claudia und Willi ziehen später mit Torsten in einen CD-Laden und erstehen die ersten Spezialitäten. In der Rose-Street kaufen wir bei Sainsbury´s die ersten von vielen Sandwiches ein. Auch hier sind die Menschen höflich und interessiert. Überhaupt kommen wir schnell mit den Menschen ins Gespräch

Ernst und Torsten bleiben nach der Rückkehr im Hotel. Wir anderen holen uns Pizza und Fish and Chips im Doner- Takeaway und essen am Strand. Die uns schon bekannten Winterberger kommen wieder vorbeispaziert, diesmal zu viert. Sie hatten Sehnsucht nach uns. Ein Wort gibt das Andere und nun gibt es Witze ohne Ende, bestimmt eineinhalb Stunden lang lachen wir uns kaputt. Herrlich, so eine lockere und leichte Atmosphäre tausende Kilometer von zu Hause entfernt am Strand von Portobello. Und der Jahrhundertsommer erhält auch in Schottland die Abendwärme.

05.09.2003, Freitag

Castleday: Heute ist die Geschichte Edinburghs dran. Mit Bus und Taxi geht es hinauf zur Burg. Wieder freuen wir uns über die Aufmerksamkeit und die herzliche Atmosphäre, mit der uns durchgängig in Edinburgh begegnet wird. Auf dem Vorhof des Castles wird ein hässliches Gerüst abgebaut. Es stammt noch vom großen Tattoo. Den Eingang der mittelalterlichen Burg zieren zwei Ritterfiguren und Fackeln, eine Zugbrücke verdeutlicht den wehrhaften Eindruck. Kopfsteinpflaster am steilen Hügel macht das Gehen und Fahren schwer und wir kommen ganz schön ins Schnaufen. Durch mehrere Mauerringe gelangt man in den Innenhof. Die Burg wirkt alt, wie ein Dorf scheint sie strukturiert, mit mehren Gebäuden, die über den Burghügel verteilt sind. Von diesem Aussichtpunkt hoch über der Stadt hat man einen tollen Blick auf die Bucht von Edinburgh und Firth of Forth. Die Kanonen verstärken den wehrhaften Eindruck. Willi und Claudia haben sich mit dem Audioguide ausgestattet und  informieren sich über die Geschichte Schottlands und der Burg. Um 13.00 wird zeremoniell der tägliche Schuss mit der Kanone abgefeuert, der dem Hafen in Leith die Uhrzeit meldete. Haben wir uns erschrocken bei dem Knall. Wir machen Fotos mit dem Guardian uns seinen Orden und bewundern die Munitionshülse. Sie stinkt erbärmlich. Dann erklimmen wir den nächsten Hof, der steil über uns liegt und nehmen uns Zeit für die Margareten-Kapelle und Mons Meg, die ehrwürdige Kanone. Steinerne Kanonenkugeln, größer als Medizinbälle, veranschaulichen ihre einstige Schlagkraft. Dann bekommen wir eine Führung durch die Kronjuwelen. Mit dem Aufzug werden wir in die Heiligtümer der Burg geleitet. Ein Modell aus Messing von Schwert, Zepter und Krone zum Anfassen machen die Größe und Form begreifbar. Die Erklärung dazu kann Willi in Brailleschrift lesen (natürlich in Englisch) und übersetzt uns. Dann können wir Sehenden die „echten“ Kronjuwelen hinter Glas bewundern. In einem kleinen Raum, sozusagen in einem begehbaren Tresor, werden sie aufbewahrt. In der Vitrine liegen Krone, Zepter, Staatsschwert und Scheide sowie der Schicksalsstein. Beeindruckend.

Wieder im Innenhof ruhen wir uns erst mal aus und verteilen uns dann, um das Kriegerdenkmal und den Rittersaal oder auch eine Aufführung von zwei Rittern in Rüstung anzuschauen. 

Zu Fuß geht es dann die High Street hinunter, wir wollen was essen und trinken. Viele Lokale sind alt, verraucht und eng, wir tafeln beim Italiener und sitzen draußen. Ernst verspeist ein Steak Diana. Torsten und Ernst ziehen nach Hause; wir anderen nehmen uns ein Taxi und gehen in einem Gemeindezentrum Ceiligh dancen. Was das ist? Formationstanz nach Ansage zu schottischer Fidelmusik. Unsere Plätze sind auf Familie Hoffmann reserviert. Wir tanzen in einer alten Kirche zur Musik der Lifeband: nach Ansage in Paaren oder Gruppen, vielleicht 250 Schotten, davon viele im Kilt, machen jede Menge Chaos auf der Tanzfläche. Wir fühlen uns gleich integriert und machen mit. Wir tanzen tapfer und gut. Die Gemeindeleiterin fordert Simone auf und die beiden legen einen flotten Walzer auf das Parkett. Ricky, ein echter Kerl im Schottenrock, kommt zu uns an den Tisch. Er erzählt uns aus seinem Leben, springt zwischendurch immer wieder zum Tanzen auf. Er leitet unser Chaosteam mehrmals an. Auch wenn wir als ungeübte Tänzer zu viert oder fünft tanzen wollen, macht er keinen Rückzieher. Wir staunen über den Spaß im Chaos! Wir bewundern die Schotten dafür. Simone gewinnt zudem bei der Tombola eine Flasche guten Wein und Ricky schenkt Willi den gerade erst gewonnenen Wimpel mit Unterschriften seiner Lieblingsmannschaft – den Hesperians. Ceiligh Dance bleibt uns in bester Erinnerung, und wir machen uns erschöpft auf den regnerischen Heimweg. Petra legt einen heldenhaften Spurt hin, um die um diese Uhrzeit seltene 26 aufzuhalten und so kommen wir zumindest bis Portobello – Anfang. Für den übrigen Heimweg nutzen wir ein Taxi. 

06.09.2003, Samstag

Heute schauen wir uns die Britannia an, die Yacht der Königin von England. In Leith liegt sie vor Anker. Das Schiff brachte 40 Jahre lang die königliche Familie sicher über alle Meere der Welt. Besonders interessiert sich Ernst für die Queen und Lady Diana. Er kennt die gesamte königliche Familie. Das Schiff ist nicht überkandidelt. Es ist schlicht und elegant. Wir schauen uns in Ruhe alles an. Zum Beispiel das Schlafzimmer von Diana und Charles auf ihrer Hochzeitsreise. Besonders beeindruckend ist der königliche Speisesaal mit 56 Sitzplätzen. Hier waren z.b. Gandhi, Clinton, Jelzin zu Gast. Wie überall herrscht auch hier eine traditionsreiche Atmosphäre. Dann geht es in den Britannia-Souvenirladen, wir machen lustige Fotos mit vor den Schoß gehaltenen Kilts und wir erstehen ein paar andere Andenken. Danach speisen wir lecker im Ocean Terminal bei Ma Potter. Nein, sie hat nichts mit Harry zu tun.

07.09.2003, Sonntag

Highlands: Heute müssen wir früh (really früh) aufstehen, denn wir fahren in die Highlands. An der Bushaltestelle stellen wir fest, dass der Bus anders fährt, als im Fahrplanheft von Birgit angegeben. Es ist  Wochenende, die Busse fahren viel seltener. Also müssen wir ein Taxi nehmen, um nicht zu spät zu kommen. Dies erweist sich sehr schnell als viel praktischer, denn nun entfällt das zeitaufwendige (wenngleich wir superschnell geworden sind) Einsteigen in den Bus. Und wir fahren direkt zum Abfahrtspunkt, müssen nicht noch zehn Minuten laufen. Wir fahren mit Rabbie´s Trail Burners, und starten in der High Street. Als wir den Bus sehen, wissen wir zunächst  nicht so recht, wie wir Ernst am besten in den Bus kriegen, es geht dann aber doch ganz einfach. Ernst hilft gut mit und freut sich sehr. Er sitzt vorne auf dem Beifahrersitz (links!), dahinter Simone, Claudia, Wilhelm und Birgit, Torsten und Petra sitzen hinten rechts an der schmalen Seite, die Rollis werden „folded“  hinten im Bus verstaut. Passt. Die anderen Fahrgäste sind gemischt aus allen Ländern, sehr nett und keine nervigen Touristen. Die erste Station ist die Burg Stirling Castle, besonders schön sind hier der große Rittersaal, der fantastische  Blick auf die Ebene, Greifvögel und Berge, und in der Ferne kann man auf einem gegenüberliegenden Hügel das Wallace Monument sehen. Besonders amüsant ist der Friedhof unterhalb der Burg, auf den die an der Burgmauer aufgereihten Kanonen direkt zielen. Ein bizarrer Schießübungsstand.

Nach etwa einer Stunde geht es weiter und die zweite Station ist Aberfoyle, ein kleiner Ort, aber das Zentrum des Wollhandels. Hier findet die Mittagspause statt. Jeder holt sich etwas zum Essen oder kehrt irgendwo ein. Simone und Petra holen sich beim „Butcher´s Deli“ Pies, Blätterteigküchlein mit Fleischfüllung, und setzen sich an den Rand einer Wiese mit wunderschönem Blick auf die ersten Hügel der Highlands, um zu essen. Die anderen nutzen die Zeit  für einen Rundgang in den Läden oder in der Landschaft. Nach einer weiteren Stunde geht es dann zum Loch Lomond, nicht ganz so berühmt wie Loch Ness, aber oft besungen. Die Landschaft ist schön, viel Grün halt, und wenn man auf Berge steht und weite Weiden, Seenlandschaften in der Einöde, dann ist es paradiesisch. Simone und Petra sind enttäuscht über die doch große Zivilisations-Ansammlung dort. Ernst und Petra bleiben am Anfang des Uferweges zurück und genießen den schönen Blick durch die Bäume auf das Wasser, während sich Claudia, Willi, Simone, Birgit und Torsten auf einen kleinen Spaziergang am Ufer aufmachen. Sie stolpern etwas über die Steine auf dem Weg, und holen sich nur zu gerne nasse Füße bei einem Temperaturtest des Wassers. Alle Leute sind mit Spaß dabei, auch wenn die Stopps etwas knapp sind, um die Gegend richtig  wahrzunehmen und zu genießen. Ein besonders schönes Highlight ist der Fahrer Alex, er ist sehr offen, hilfsbereit, locker und freundlich, und er bringt uns sogar gerne bis nach Hause. Thanks a lot, Alex!

Am Abend gehen Willi, Claudia und Simone in ein chinesisches Restaurant, wo sie in gemütlicher Atmosphäre sehr lecker essen. Später treffen wir uns dann noch zu einem „Absacker“ im Glass Blower, einem gemütlichen Pub in der Portobello High Street. 

08.09.2003, Montag

Den heutigen Tag beginnen wir etwas ruhiger. Nach und nach trudeln alle an der Strandpromenade ein. Wir sitzen zunächst auf den Bänken und auf der Mauer, schreiben Karten oder genießen einfach den herrlichen Ausblick und das Wetter. Claudia ist die erste, die sich Schuhe und Strümpfe auszieht und mit hochgekrempelter Hose zum Wasser marschiert. Willi folgt ihr bald und lässt sich immer wieder vom Wasser in den Sand eingraben. Und nach und nach finden wir alle uns am Strand wieder, Simone und Ernst haben mit ihren Rollstühlen tiefe Furchen im Sand hinterlassen. Torsten beginnt eine Sandburg zu bauen. Diese wird jedoch bald von der Flut zerstört. Er baut eine zweite, Edinburgh, doch auch diese wird verschluckt. Wir werden von dem herannahenden Wasser immer weiter zurück getrieben. Doch Torsten beginnt unermüdlich ein weiteres mal Edinburgh zu errichten. Mit Muschel-Beschriftung und einer schützenden Wallmauer. Die Flut naht, doch wir versuchen eifrig den Wall zu erhöhen. Doch Edinburgh fällt erneut. Mit den Rufen „ die Engländer kommen“ verabschieden wir uns von dieser schönen Festung. So langsam bekommen alle Hunger und wir ziehen los etwas zu essen zu finden. Es ist gar nicht so einfach, den es ist mittlerweile 14 Uhr, und viele Takeaways machen Mittagspause. Wir müssen aber etwas essen, denn schließlich steht das  Whiskymuseum auf dem Plan, mit Whiskyprobe, und da sollte man doch etwas im Magen haben. Im Museum erfahren wir, wie Whisky hergestellt wird. Man zeigt uns kurze Filme, für eine deutsche Übersetzung hat jeder einen Audioguide um den Hals bzw. in den Ohren. Dann geht es auf große Geschichtstour durch ein riesiges Whiskyfass. Es ist ein bisschen wie in einer Geisterbahn, nur ohne Geister. Wir erfahren viel über die Geschichte, Entstehung des Whiskies. Nach der Führung treffen wir uns in der Bar wieder, wo Willi und Claudia an der Theke einen sehr rauchigen Whisky probieren. Ganz zum Schluss finden wir uns im Laden des Museums wieder und staunen sehr über die Vielfalt und vor allem die Vielzahl der verschiedenen Whiskyflaschen. Jeder deckt sich etwas mit Whisky ein, je nach Geldbeutel. Danach ziehen wir auf die Royal Mile (eigentlich High Street) um zu shoppen. Wir landen schnell in einem Souvenirladen, und haben einen Heidenspaß beim An- und Ausprobieren verschiedenster Hüte, Helme, Schwerter, Cds etc. Ernst probiert einen Kilt an und kauft auch freudig einen. Und Willi versucht auf einem sehr kleinen Dudelsack zu spielen. Es ist gar nicht so einfach. Hungrig und durstig geworden ziehen wir in den nahe gelegenen Deacon Brodie Pub, ein berühmter Pub auf der Royal Mile, benannt nach dem einstigen Stadthalter Edinburghs,  welcher Pate für die Erzählung des Dr. Jekyll und Mr. Hyde gestanden haben soll. 

Ernst und Torsten gehen etwas früher nach Hause, und die anderen vergnügen sich noch etwas länger mit leckeren Speisen und Getränken in dem mittlerweile nicht mehr so lauten Pub, bevor auch sie zurück nach Portobello ziehen.

09.09.2003, Dienstag

Heute bleibt Ernst mit Torsten zu Hause. Er ist sehr erschöpft und muss sich etwas erholen.

Für die anderen steht der königliche botanische Garten auf dem Programm. Wie immer kommen wir etwas später los als geplant. Dafür werden wir im Park mit der Zutraulichkeit der kleinen, eher grauen Eichhörnchen entschädigt, die sich geschickt unser Frühstück erschleichen. Auf dem Weg zum Palmhaus gibt es eine Musikinstrumentenausstellung. Leider ist alles hinter Glas bis auf ein paar einfache Holzinstrumente. Doch dann entdecken wir den Oszillographen und hast du nicht gesehen, singen Claudia und Willi, um ihre Stimme sichtbar zu machen. Und sie singen zweistimmig und wunderschön. Sie seien noch nicht eingesungen, behaupten sie, und es ginge schon noch ein wenig besser.

Die feuchtschwüle Luft der Gewächshäuser ist anstrengend. Doch immerhin nehmen wir uns viel Zeit für die Farne aus aller Welt und riesige Seerosenblätter. Zurück an der Rose Street snacken wir erst einmal, der lang ersehnte Schokokuchen aus der Cafeteria von BHS oder Sushi aus der Frischetheke von Sainbury´s. Doch auch hier ist die Lokalzeit begrenzt. Die Schotten klappen früh die geschäftlichen Bürgersteige hoch. Im Internet Café der Touri-Info gibt es Kontakt nach Hause, die  Suche nach Noten schottischer Lieder bleibt leider ergebnislos. An der Waverley Station, dem riesigen wunderschönen alten Bahnhof unter der Northbridge, klären wir Details für einen Tagesausflug nach North Berwick. Ruckzuck, schon wieder ist die Zeit weg. Beim Italiener gegenüber dem Royal Theatre speisen wir köstlich, umrundet von Theater- und Kinogängern.  Die bedauern sicherlich, dass sie kein Deutsch können, denn Willi gibt wieder mal einen Witz nach dem anderen zum besten, und Petra liegt fast unterm Tisch und kontert gut. Dann geht es endlich in die „Central Bar“ im Leith Walk. Gut, das Claudia mit dem Taxi dorthin will, denn es ist zwar nur die Straße geradeaus Richtung Hafen, doch im Zentrum in Leith. Der Pub ist typisch, eine große Halle, wunderschön alt, bestimmt 5m hohe Decke, Kacheln mit Darstellungen von Jägern, Fischern,...bunte Fenster und Spiegel, Ledersofas, ein dicker Tresen in der Mitte mit sympathischer Bedienung. Das Publikum ist etwas älter und ruhiger, man fühlt sich sicher. Immerhin sitzt zumindest schon eine andere Frau im Pub. Tennents gibt es auch, was will man mehr? Musik! Und die gibt es auch noch. Hier ist eine Folksession im Gang. Die einheimischen Spieler werden später noch staunen, wie gut die deutschen Gäste singen können. Das Helferteam schwächelt und geht nach Hause. So ist nur Simone die deutsche Augenzeugin, als Claudia und Willi mutig Songs zum Besten geben. Und Simone staunt, mit wem sie da unterwegs ist. Einladungen zum Bier und Whisky folgen ... und die Frage, ob sie nicht die nächsten Tage wieder kommen wollen. Donnerstag ist Folksession. Und schon morgen gäbe es das Fußballspiel Deutschland – Schottland, wenn das kein Date ist.

10.09.03, Mittwoch

Nach einem weiteren unserer leckeren schottischen Frühstücke zieht es uns wieder nach Edinburgh. Willi, Claudia  und Petra gehen in den Untergrund. In Mary King´s Close ist der Abstieg zur Welt unter der High Street. In der schummrigen Beleuchtung, bei unheimlichen Tönen und Klängen, führt der Weg über gewundene Treppen und durch schmale Gassen weit unter der Stadt. Geschichten aus den Zeiten der Pest und spukige Stories werden lebendig.

Danach werfen sie noch ein Blick in die St. Giles Cathedrale mit ihrer Distelkapelle.

Simone, Ernst, Torsten und Birgit unternehmen eine Zeitreise ganz anderer Art. In der „Dynamic Earth“ erleben sie den Urknall, werden sie von Erdbeben geschüttelt, fliegen sie über Europa in der Eiszeit hinweg. Klar, gigantisch, wie sich die Erde, Pflanzen, Tiere und der Mensch entwickelt haben. Schottische Schulkinder in Uniform ziehen mit ihnen durch die vielen Räume und lernen das auch schon.

Geblendet stehen sie dann wieder in unserer Zeit. Von der Terrasse des hypermodernen Zelt-Gebäudes aus erspähen sie Wanderer auf Arthur´s Seat im Holyroodpark. Der Berg wurde geformt durch die Eiszeit, wie sie gerade gelernt haben, Darunter liegt ehrwürdig Holyroodhouse, der Sommerpalast der Queen, mit vielen Türmchen. Und gleich nebenan liegt die ewige Baustelle des Neuen Parlamentes. Hier arbeiten unsere Bekannten aus Winterberg an den Fenstern.

Über den unteren Teil der Royal Mile geht es zurück zum Bahnhof. Die 26 bringt sie diesmal durch den Feierabendverkehr.

Dann geht es noch mal los: Heute ist das Spiel von Bertis schottischen Mannen gegen Deutschland. Wir haben bereits die Woche über Schotten im Bus, in Taxen usw. nach ihrer Meinung gefragt. Keiner scheint zu glauben, dass die Schotten gewinnen könnten. Doch es gibt ja noch uns! Wir unterstützen die Schotten! Zumindest optisch! Mit Schottlandfahnen beflaggt ziehen wir in den Pub, um mit den Winterbergern, wie verabredet, die Daumen zu drücken. Das Spiel beginnt, doch die Winterberger kommen nicht. Die Schotten haben keine Chance und liegen nach einem schönen Tor von Bobic und einem Elfmeter von Ballack zurück; sie schießen immerhin ein Tor gegen die Deutschen. Am Ende steht’s 2:1 für Deutschland. Na ja. Da muss Berti aber noch mal was tun. Grauenhaft, sein Schottisch im Interview, oder was soll das Gestammel sein? Kein Wunder, wenn es mit dem Fußball nicht so richtig klappt.

11.09.2003, Donnerstag

Ernst hat sich einen Infekt eingefangen und bleibt mit Birgit zu Hause. Sie schauen sich unter anderem auch die mit der Digitalkamera gemachten Fotos auf dem Laptop an.

Für die anderen geht es heute mit den Zug auf alten Gleisen nach North Berwick. Rollirampen in den Zug sind gar kein Problem, man soll nur bitte eine dreiviertel Stunde vorher Bescheid geben. Großer Bahnhof  für eigentlich sehr wenig, so gut ist das hier organisiert.

Letztendlich müssen wir uns selber um die Rampe kümmern, hieven aber dann Simone samt Rolli ohne Rampe hinein und heraus, das geht viel einfacher und schneller, als das umständliche Hantieren mit der Rampe.

North Berwick ist ein kleiner hübscher Badeort östlich von  Edinburgh. Vorgelagert ist eine Felseninsel, auf der sich Tausende von Seevögeln tummeln. Wir fahren mit einem kleineren Boot dorthin. Die Tour ist klasse, nachdem wir erst mal den doch etwas schwierigen Einstieg in das schaukelnde Holzteil geschafft haben. Petra fotografiert fleißig mit der Digitalkamera, und wird von einem englischen Ehepaar, welches ausgerechnet heute seinen Fotoapparat vergessen hat, gebeten, ein paar Fotos von ihnen zu machen, und ihnen diese doch bitte zuzusenden.

An Bord sind zwei verwaiste junge Gannets (Tölpel), welche auf dieser Tour ausgewildert werden. Es ist ein spannender Moment, nicht nur für die jungen Vögel. 

Nach der Tour ist Petra total erschöpft und muss unbedingt was essen. Also kehren die Fünf in ein kleines Restaurant ein, in welchem auch thailändische Speisen angeboten werden. Und draußen fängt es gerade an zu regnen. Hier hecken die Fünf auch eine kleine Überraschung aus.

Nach dem Essen fahren wir zurück und streben gen Central Bar, Claudia, Willi und Simone nehmen natürlich die Einladung zur Folksession gerne war. Torsten und Petra bleiben noch eine Weile, verabschieden sich aber bald. Sie lassen die drei in fröhlicher Stimmung zurück.

12.09.2003, Freitag

Der letzte Tag in Edinburgh. Einmal noch das Getümmel und die Lautstärke der Eismaschine an der Princes Street (hier wird Kälte durch Läutstärke erzeugt), der Blick auf die Parks und ihre zahlreichen Besucher, Junge und Alte vereint auf gutem englischen Rasen über den ehemaligen Müllseen der Stadt.

Ernst und Birgit bleiben in Portobello und verleben einen ruhigen Vormittag, Ernst hat sich noch nicht ganz erholt. Sie promenieren die Promenade entlang, Birgit sammelt Muscheln am Strand und sie füttern kleine nette Vögel.

Willi, Claudia, Simone, Torsten und Petra ziehen hoch zur Royal Mile, besuchen das Museum of Childhood, das Kindheitsmuseum.

Wir sind etwas enttäuscht, das meiste steckt hinter Glas, darf nicht angefasst werden (für Willi und Claudia wird eine Ausnahme gemacht, Willi ist begeistert von einem sehr alten Dreirad-Tandem) oder man hat es schon in anderen Museen gesehen, und die angebotenen Spiele, die man benutzen darf sind nur halb so spaßig wie gedacht. Wir sind uns einig, dass selbst Kinder hier nicht richtig auf ihre Kosten kommen. Schade.

Die Souvenirläden in der oberen Royal Mile ziehen uns wieder den Hügel hinauf. Wir wollen oder brauchen noch das ein oder andere Mitbringsel. Simone z.B. kauft für ihre Mutter die gewünschte Schottenmütze und für sich selbst zwei schöne T-Shirts, Petra kauft sich dann doch noch einen Kilt, und wir finden eine lustige Distel-Teekanne (in Lila und Grün) für unsere so lovely Gastgeberin Ursula als Abschiedsgeschenk.

Um 18 Uhr treffen wir uns mit Ernst und Birgit in dem China-Restaurant zu einem gemeinsamen Abschiedsessen. Es ist gemütlich und schmeckt herrlich. Danach gehen wir alle zusammen noch einmal in den Glass Blower auf ein letztes gemütliches Bierchen. Ein wenig Wehmut stellt sich ein; morgen geht es zurück nach Deutschland.

13.09.2003, Samstag

Heute heißt es noch früher raus als sonst. Um Viertel nach sieben sitzen wir alle am Tisch. Frühstück gibt es eigentlich erst ab Viertel vor neun, aber Ursula und ihr Mann Richard sind extra früh aufgestanden, damit wir uns nicht mit leeren Mägen auf die Reise machen müssen. Torsten fotografiert noch mal alle Postkarten von Ernst. Er hat sich von allen Ausflugszielen und Besichtigungen eine Karte mitgenommen, und hat so eine stattliche Sammlung zusammen getragen.

Ursula schenkt uns jedem einen Anstecker von Schottland oder Edinburgh. Toll, da haben wir eine nette Erinnerung an sie. Als Dankeschön für die gute Zeit bei ihr und ihre herzliche Zuwendung bekommt sie nun die Teekanne in Distelform überreicht – als Prunkstück ihrer Sammlung von mindestens 30 Teekannen aus aller Welt, die auf einem rund laufenden Regal im Frühstückraum einen halben Meter unter der Decke dekorativ platziert sind. Sie freut sich außerordentlich: Ist es doch die erste schottische Teekanne in ihrer Sammlung!

Wir verabschieden Petra, die mit einem anderen Flieger nach Deutschland zurückkehrt und noch eine längere Zugstrecke vor sich hat. Wie es der Zufall will, fahren andere deutsche Gäste der Pension just im gleichen Moment mit dem Auto zu Petras Flughafen, und Petra, wie immer spontan, schließt sich ihnen an. Großartig! Dann müssen wir anderen uns auch keine Sorgen um sie machen.

Wir anderen frühstücken zu Ende, und machen uns mit dem Dash – Taxi auf den Weg zum Flughafen in Edinburgh. Ein letztes Mal im Linksverkehr. Der Flug hat eine Stunde Verspätung, was uns ein bisschen annervt. Immerhin treffen wir zwei der Winterberger Metallarbeiter wieder, die mit uns zurückfliegen. Ein paar Adressen werden ausgetauscht.

Nach einem guten Flug mit der gleichen Crew wie auf dem Hinweg landen wir sicher in Köln- Bonn. Dort werden wir diesmal von zwei Sanitätern abgeholt. Simone wird direkt abgeholt und wir anderen fünf fahren mit dem Transfer nach Marburg. Sehr müde sind wir sicherlich alle; aber eine schöne Reise war es, die nun ihr Ende gefunden hat.

 

Das Begleiterteam aus Schottland

Weitsprung
Reisen für behinderte und Nichtbehinderte Menschen
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Gutenbergstraße 27, 35037 Marburg
Telefon: 06421-686832
Fax: 06421-690581

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