Sonntag, 28. Juli 2002 – Wie alles begann
Es war einmal vor langer, langer Zeit ein Treffen am Marburger Hauptbahnhof. 4:00 Uhr in der Frühe. Dunkel. Mit dem Zug fahren wir nach Frankfurt, von dort aus im komfortablen ICE nach Stuttgart. Wir sind müde, aber auch gespannt; Edgar wird es den ganzen Tag nicht schaffen, sich ein wenig Schlaf zu gönnen. Mit der S-Bahn geht es elf Stationen weiter in Richtung Flughafen. Einchecken läuft super, da wir uns frech an dem Schalter für die erste Klasse anstellen; das Gepäck wird durchleuchtet, wir auch. Da noch Zeit genug für einen Bummel durch den überschaubaren Stuttgarter Flughafen bleibt, sehen wir uns oben auf der Besucherterrasse alte Flugzeuge und Hubschrauber an und schauen einem Flieger bei der Landung zu. Dann geht es zum Abflugschalter, von da aus in einen Bus zum Flugzeug. Das Flugzeug sieht aus wie ein Spielzeug, es ist das kleinste weit und breit. Damit werden wir fliegen! Nachdem die 50 Leute Platz genommen haben, geht es schnell. Sachen verstauen, anschnallen und gebannt aus dem Fenster schauen – als die Turbinen aufdrehen, kleben wir erst am Sitz fest und sind dann bereits in der Luft. Wie klein die Städte werden, man erkennt aus dieser Höhe Städte wie Hamburg und Kopenhagen, die lange Brücke zwischen Dänemark und Schweden; der Himmel unter uns ist blau, die Sonne sonnt. Essen, schlafen, dahingleiten. Stunden später wird gelandet. Wir sind in Östersund, wir sind in Schweden.
Es ist warm, als wir in Freie treten. Mitsamt Gepäck steigen wir in das Taxi, das wir uns mit der netten Dauerurlauberin und Volkskundlerin teilen. Eine kleine Fahrt durch den Ort, vorbei an dem schönen roten Rathaus, endet am Hotel. Ein rundes Portal mit Jugendstilverglasung empfängt uns, als wir verstanden, wie man die Gegensprechanlage bedient. Die freundliche Hausherrin lädt uns ein, das Gepäck abzulegen; da unsere Zimmer gerade gemacht werden, bleibt uns nur ein kurzer Blick. Der erste Eindruck: Ein schickes Eckzimmer, großzügig und hell, vom Stil her das alte Schweden. Hinaus geht es in die Stadt. Erkunden. Den Berg hoch, eine massige Ziegelsteinkirche mit grün-goldenem Dach vor uns, das tiefe Blau des Sees hinter uns, vorbei an Parks, Einkaufsstraßen. Oldtimer-Autos tuckern auf den Straßen und die jungen Leute liegen auf den Wiesen am Rande, erholen und sonnen sich. Die Stadt liegt in müder Ruhe da, denn sie hat ein mehrtägiges Stadtfest hinter sich, deren Ausläufer wir am Abend noch besuchen: Stände, Essen, Trinken, Musik und viele Menschen an der Hafenmole. Hier liegen die Segelboote Östersunds in Reihe vertäut, hier ist Rummel. Die schweren Beine geben ihr Bestes, und erst als die ersten Regentropfen fallen, geben wir auf, fahren mit dem Taxi zurück und fallen in die Betten. Der erste Tag hat uns geschafft – wir sind in Schweden.
Montag, der 29. Juli – Zurück in die Vergangenheit
Der Tag beginnt mit einem Frühstück in der Pension Nya. Ein emigrierter Däne leistet uns Gesellschaft und schaut zu, wie wir die Fremde erkunden. Schwedisch Frühstücken ist gar nicht so einfach. Die Margarine wird mit einem Holzmesser an den Tellerrand geschmiert und anschließend auf dem Brot verteilt. Das Brot kann man toasten, doch sollte man darauf achten, es nicht zu lange im Toaster zu lassen. Sonst ist zum einen das Brot schwarz und zum anderen geht der Feuermelder los. So wie bei Birgit. Die Sache wird erschwert, wenn man kein Schwedisch kann – und wer kann das schon. Ein Kaffee mit viel Milch ist etwas ganz anderes als ein Kaffee mit „fil mjölk“. Wer will schon seinen Kaffee mit Dickmilch trinken – Birgit hat es versucht. Ansonsten fing der Tag gemütlich an. Wir ließen die Koffer in der Pension stehen und gingen zum Busbahnhof und stiegen in die Linie 2.
Das YAMTLI-Museum beherbergt die Geschichte Schwedens. Es ist sehr besucherfreundlich ausgestattet. Wir wissen nun:
wie die Östersunder einst ein Seeungeheuer mit einer riesigen Falle gejagt haben;
wie die Schweden der Steinzeit gekleidet waren und wovon sie sich ernährt haben;
welche Trachten die Frauen vor hundert Jahren trugen;
wie der Jahresablauf der Samen aussah;
wozu Rentiere gut waren;
sahen Kunsthandwerk, Schmuck, Gebrauchsgegenstände und noch vieles mehr.
All das konnten wir sehen, anfassen und hören, alles wurde erklärt von dem kostenlosen Sprachführer, den wir am Eingang erhalten haben. Absolutes Highlight sind die ältesten Wandteppiche Schwedens.
Außerdem war da noch eine Kunstausstellung. Edvard Munch war einer der bekanntesten Maler Schwedens, auch wer den Namen nicht kennt, hat seine Bilder (Der Schrei) bestimmt schon mal gesehen. Und hier waren bestimmt fünfzig Ölbilder zu sehen. Beeindruckend.
Das Tollste aber kommt noch. Denn das Gelände ist auch ein großes Freiluftmuseum. Alte Häuser wurden hier so wieder aufgebaut, wie sie früher ausgesehen haben und Schauspieler tragen die alten Kleider und machen das, was die Leute früher auch gemacht haben. Wie eine Zeitreise. Da gabt es einen Jahrmarkt mit Spielbuden und ein Karussell, einen alten Krämerladen (alte Kaffeemühlen, uralte Registrierkasse, Öl-Lampen, bunte Bonbons in Papiertüten) und einen Photograf, der noch mit uralten Kameras Bilder macht. In einem Hof stand eine Frau in alter Tracht und hat Wäsche auf einem Waschbrett sauber gemacht, ein Ehepaar lud uns in ihr Wohnzimmer ein. Junge Menschen fuhren mit alten Fahrrädern (die mit dem Riesenrad vorn!) durch die Gegend. Und, und, und. Hier hätten wir gut den ganzen Tag verbringen können – aber wir waren ja nur auf der Durchreise. Deshalb nahmen wir den nächsten Bus zurück in die Stadt und mitsamt dem Gepäck ging es zum Bahnhof.
Dort stand bereits die „Inlandsbanan“, der Traditionszug, der uns in seinen alten Waggons Richtung Süden nach Lillhamra bringen sollte. Wir saßen auf gemütlich gepolsterten Sitzen (nicht die Plastikschalensitze der Deutschen Bahn!) an einem klappbaren Holztisch. Die Plätze waren reserviert. Im Zugrestaurant gab es an rustikalen Bänken und Tischen schwedische Leckereien wie Lachs und Rentier, schwedisches Bier oder Cider (Apfelmost). Die Mitte Schwedens ist dünn besiedelt. Der Zug hält nicht oft, aber manchmal steht da mal gerade ein Haus. An einigen Orten hält er nur, wenn jemand aussteigen möchte. Dafür hält er einmal zwanzig Minuten: das reicht für einen kleinen Bummel um den Zug (der gerade aufgetankt wird) und einen Gang in ein Geschäft an der Straße. Der Schaffner ging mehrfach durch die Reihen, um sich die Ziele der Reisenden aufzuschreiben, und zur Unterhaltung hat er uns mit seinen Durchsagen auf dem Laufenden gehalten, an welchen Stellen wir gerade entlang fahren. Die Landschaft ist sehr schön. Viel Wald, viele malerische Seen, Bäche zum Fischen. Stundenlang Natur pur.
Abends in Lillhamra angekommen holten uns Stefan und Cristina, die nette Vermieter unserer Hütte, mit dem Bus ab. Nur Wald und Steine und Seen, so beschreibt er die Gegend, und er hat recht.
Das gemütliche Holzhaus hat ein großes Wohnzimmer mit Sofaecke, Kamin, Esstisch und Terrasse. Die Küche ist voll eingerichtet, sogar mit Spülmaschine. Es gibt einen elektrischen Trockenschrank. Die Schlafzimmer sind nicht sehr groß, die Etagenbetten nur was für die Nacht. Nachdem wir die Betten bezogen, eine kleine Mahlzeit gekocht und es uns noch ein wenig gemütlich gemacht haben, den nächsten Tag geplant haben, ist auch dieser Tag vorbei.
Dienstag, der 30. Juli – ein Tag am See
Nach einer sehr ruhigen Nacht ohne Mücken, regnet es morgens dreimal - bisher der einzige Regen, den wir mitbekommen haben. Unser Vermieter Stefan holt uns mit dem Bus zum Frühstück ab. Wir frühstücken im Restaurant unter ausgestopften Tieren und hören schwedische Country-Musik. Das Frühstücksbuffett ist lecker. Stefan erzählt uns ein wenig über die Unternehmungsmöglichkeiten vor Ort: Elchsafari, Kanufahren, der Järvzoo. Wir schoppen zunächst im Tante-Emma- Laden von Hamra. Hier gibt es alles, das Lädchen dient als Post, Lottostelle, Kaufhaus, Apotheke...
Anschließend spazieren wir zum See – dem Hemsjön. Dort in dem Café gibt es Andenkenartikel, Hüte, T-Shirts, Postkarten, selbstgestrickte Strümpfe...Es beherbergt die Videothek des Dorfes. Außerdem gibt es alles, alles was man für einen Tag am See so braucht. Wir sitzen bei Waffeln mit Eis und Kompott und Hot dog , schreiben Postkarten und beobachten das Treiben. Der See liegt ruhig und spiegelt die Tannen, die um ihn herum wachsen. Schwedische Familien kommen vorbei. Die Kinder nehmen ein Bad im See und springen auf einem riesigen Trampolin. Sie quietschen vor Vergnügen. Die Zeit vergeht. Stunden später hat sich nicht viel getan. Wir sitzen entspannt am See und ein Gefühl für die Ruhe in der weiten schwedischen Natur entwickelt sich. Urlaub.
Ein kleiner Spaziergang führt uns am See entlang. Hier gibt es Heidelbeeren, nicht viele, aber vielversprechend. Und dann leider Sumpf und Morast. Nun ist klar, warum man auch in heißen schwedischen Sommern wasserdichte Schuhe braucht.
Zurückgekehrt in unser Häuschen kochen wir ein Linsengericht und legen nach diesem „anstrengenden Tag“ die Füße hoch. Die Abendgestaltung: Andreas versucht sich im schwedischen Fernsehen und hält ganz schön lange durch. Birgit und Torsten tigern noch einmal los. Sie nehmen eine Abkürzung zum See, stapfen durch feuchtes Gelände und kommen mit nassen Schuhen nach Haus. Edgar genießt Apfelschorle auf dem Sofa und schaut sich seine im Urlaub neu erstandenen Bücher genau an.
Mittwoch, der 31. Juli – Schwedens Tierwelt
Nach einem gemütlichen Frühstück auf der Terrasse des Hauses werden wir abgeholt und fahren zunächst mit dem Bus in die nächste Stadt. Die heißt Ljusdal und liegt etwa achtzig Kilometer von unserem Ort „Hamra“ entfernt. Schweden ist ein Wald, der hin und wieder von Straßen unterbrochen wird. Die Bilder ähneln sich: vor uns eine Straße, gerade oder kurvig den Berg hoch oder runter, links und rechts Nadelbäume so weit das Auge sehen kann. Dazwischen Gras, Unterholz und menschengroße Steine, die die Gletscher bei der letzten Eiszeit vergessen haben. Hin und wieder gleitet der Blick in weite Täler hinab, beobachtet die rotbraunen Holzhäuser oder bleibt an einem Bergbach und seinen Wasserfällen hängen. So geht das eine Ewigkeit. Dann erreichen wir Ljusdal. Wir machen eine kurze Pause., während Stefan zur Bank geht (80 km zur nächsten Bank, die spinnen, die Schweden!). Dann geht es ein Stück zurück nach „Järvsö“, rechts den Berg hoch zum „Järvzoo“. Dieser Zoo liegt an einem bewaldeten Berghang, und auf einem drei Kilometer langen Holzweg gehen wir vorbei an vielen Gehegen. Bestimmte Teile des Hanges sind eingezäunt und die verschiedenen Tiere und Tierarten leben dort in Landschaften, in denen sie sich auch in der freien Natur aufhalten. Diese Waldstücke sind viel schöner als die Käfige und Betonbecken der Zoos, die ich bisher gesehen habe – in Gefangenschaft leben die Tiere trotzdem und die Vögel können nicht weit fliegen. Doch haben die Tiere hier relativ viel Platz und Rückzugsmöglichkeiten. Es gibt wie in der Natur keine Garantie dafür, dass wir alle Tierarten sehen werden; an einigen Gehegen haben wir umsonst geduldig gewartet. Es ist ein heißer Tag, der uns Menschen und den Tieren eine gewisse Langsamkeit nahe legt, besonders in der Mittagszeit, auch wenn wir uns viel im Schatten bewegen.
Am Anfang gibt es einen Streichelzoo für Kinder, hier sind Ziegen „zum Anfassen“. Den Kleinen gefällt es. Wir gehen am Gehege der Rentiere vorbei. die Rentiere ruhen sich im Schatten des Weges aus. Sie atmen schwer, kein Wunder bei der Hitze. Die Geweihe sind mit einem Fell bezogen, das sieht weich aus, fühlt sich aber wohl nicht so an, wenn man auf die Hörner genommen wird.
Dann kommen wir zum Gelände der Elche. Es sind die größten Tiere, die in den nördlichen Wäldern leben, und das glaube ich sofort. Ein junges Kalb (so groß wie ein dickes ausgewachsenes Pferd) frisst in Ruhe Blätter von jungen Birkenstämmen in einer Krippe. Die Kuh hält sich auf dem Hang auf und ist nur aus der Ferne zu sehen, der Stier unter den Bäumen des nächsten Hügels kaum zu erkennen. Wenn mir diese riesigen Tiere im Wald begegnen würden, hätte ich schon eine Menge Respekt. Wir gehen den Holzweg weiter.
Bis sich weiter oben in den ein Rentier zeigt, das dauert. Dann erscheinen sie zum Fressen und ein großer gewaltiger Koloss kommt auf uns zu. Wie im Comikstrip flitzt plötzlich neben uns ein Eichhörnchen das Holzgeländer des Weges wie auf einer Autobahn entlang und verschwindet in der Ferne. Die Moschusochsen sind danach dran, sie lungern herum und erheben sich majestätisch in ihrer ganzen Größe. Zwei Rotfüchse beleben einen Hang, der von Löchern nur so durchzogen ist. Ein Fuchs ist gerade dabei, sein Essen in einem Bau in Sicherheit zu bringen. Ein anderer buddelt mehrere Löcher, bis er wohl mit dem Ort für die Reste der Gans (?) zufrieden ist. Alles ist bestens zu sehen. Wir Zuschauer scheinen die Tiere wenig zu stören. Am Rasthof oben essen wir Hot-Dogs und trinken ein wenig. Hier haben wir die größte Steigung hinter uns. Dann sehen wir sie: Braunbären in allen Größen, die Kleinen toben in einen Affenzahn durchs Gelände, ein großer Bär kletterte flink einen Baum hinauf, später planschen die Kleinbären im Wasser herum und kabbeln sich. Warum Bären als Kuscheltiere für Kinder zum Spielen gedacht sind, verstehe ich bei diesem Anblick nicht mehr. Nach dieser dynamischen eindrucksvollen Einlage junger Bären sind die nächsten Tiere zwar sehenswert, kommen aber an den Unterhaltungswert nicht mehr heran.
Die Wölfe liegen wie Schäferhunde im Schatten der Bäume und sind längst nicht so gruselig, wie ich sie mir immer vorstelle. Die Polarfüchse sind eher niedlich und geben seltsame helle Laute von sich. Die Luchse mit rötlichem Fell mit Punkten darauf bewegen sich langsam. Sie sind die größten Katzentiere, die sich durch die europäischen Wälder schleichen. Sie sind farblich gut an die Landschaft angepasst. An Bergkauzen, Schneeeulen und Kranichen kommen wir auf dem Rückweg vorbei. Da es mittlerweile fast drei Uhr ist, kommt Stefan uns entgegen, erzählt uns noch ein wenig Jägerlatein und nach einem kurzen Shopping am Eingang geht es Hamra entgegen. In einem Cafe auf dem Weg machen wir noch einen kurzen Stop. Wie üblich nehmen wir das mehrgängige Abendmahl auf der Terrasse ein.
Donnerstag, der 1. August 2002 – Ausflug in die Stadt Mora
Wir leihen uns den Bus von Stefan. Etwa um zehn Uhr morgens brechen wir auf. Unser heutiges Ziel ist die Stadt Mora am Siljan-See. Daher fahren wir Richtung Süden, wie gehabt säumen endlose Wälder, Seen und Bäche unsere Straße. Der See ist der siebtgrößte Schwedens; er entstand vor Millionen von Jahren durch den Einschlag eines Meteors. Im Vergleich zu den ländlichen Regionen, die wir bislang bewohnt haben, ist Mora eine richtige Stadt. Wir parken in der Innenstadt und beginnen mit einem Bummel durch die Einkaufsmeile. Für schwedische Verhältnisse tummeln sich hier viele Menschen, Straßenmusik ersetzt die Stille und die Geschäfte laden ein. Nach den ersten Einkäufen gibt es riesige Eiskugeln und wir tingeln zum See-Ufer. Dort werden gerade Stände für das Oldtimer-Treffen aufgebaut, in der Ferne sprüht eine Wasserfontäne. Nahe der Promenade steht eine alte Dampflokomotive, die wir ausgiebig in Augenschein nehmen. Massig und schwer steht sie da, ein Koloss aus Stahl, der früher die langen Züge mit den Baumstämmen in die Fabriken zog. Dann trennen wir uns. Andreas und Birgit gehen Einkaufen, Edgar und Torsten werfen einen Blick in die alte, flache Kirche von Mora. Dort drinnen ist es schön kühl, denn draußen brennt wie immer die Sonne. Die Kirche ist schlicht gehalten mit alten Holzbänken, Kronleuchtern und Bildern an den Wänden, hinten gibt es eine Spiel- und Malecke für Kinder. Am vereinbarten Treffpunkt kommen wir wieder zusammen. Es ist das Anders-Zorn-Museum. Anders Zorn war ein Künstler, der von seiner Kunst sogar leben konnte. Er ist der berühmteste Sohn der Stadt und starb auch hier. Daher hat die Stadt ihm mehrere Museen gewidmet. Hier sehen wir Zeichnungen, Drucke, Ölgemälde, alles entstand so Ende des neunzehnten Jahrhunderts. Die Motive sind international: Afrika, Orient, England, Frankreich, Deutschland, U.S.A., ein vielgereister Mensch. Gemalt hat er vor allem Menschen, darunter viele junge Frauen und bekannte Personen seiner Zeit. Daneben stehen Stücke aus seiner Sammlung, z.B. alte und Statuen aus Ägypten und Rom. Postkarten werden auch hier nicht verschmäht. Direkt daneben befindet sich das Haus, in dem der Maler gewohnt hat. Auch seine alten Kutschen stehen noch dort. Anschließend geht es weiter in einen Ort namens Nusnäs. Hier werden die bekannten Dala-Pferdchen geschnitzt. Es handelt sich hierbei um Holzpferde aller Größen, die in klaren leuchtenden Rot- und Blautönen bemalt sind – ursprünglich ein Kinderspielzeug, jetzt ein Markenzeichen der Gegend. In der Werkstatt kann man die Handwerker beobachten, und der Shop ist der erste richtige Urlauber-Souvenir-Laden, den wir in Schweden sehen. Mit ein paar Hotdogs stärken wir uns für den Rückweg. Tolle Ausblicke können wir noch einmal auf den See genießen. Als sich der Himmel auf dem Heimweg verdunkelt, ahnen wir noch nicht, welche Wassermassen gleich auf uns niederprasseln werden. Am nächsten Tag erfahren wir, dass es in Südschweden ganze Autos weggerissen hat und die Keller unter Wasser stehen. Wir hingegen haben (nach dem heftigen Schauer während der Fahrt) wieder einen sonnigen Abend – und keine Moskitos. Wir bereiten uns Karlsbader Schnitten nach Andreas´ Rezept zu.
Freitag, der 2. August – Urlaub wie die Schweden
Heute beginnen wir den Tag ganz faul. Wir schlafen aus und frühstücken dann sehr gemütlich auf der Terrasse. Toll, bisher haben wir außer am ersten Abend alle Mahlzeiten draußen eingenommen. Heute bekommen wir die Nachbarn mit, die wohl alle etwas später aufstehen als wir es sonst tun. Die Sonne wechselt sich mit dicken Wolken ab. Die Vögel singen. Was werden wir heute tun? Bootfahren vielleicht? Mittagessen bei Stefan und Christina? Es sind die kleinen Dinge, um die man sich kümmern kann, die hier ein Urlaubsgefühl aufkommen lassen. Streß ist vollkommen unnötig, sehr weit weg. Zunächst wollen wir schoppen gehen im Zentrum von Hamra. Diesmal nehmen wir einen anderen Weg. Wir stapfen durch das weitläufige Gelände mit Birken und Pappeln, das Stefan und Christina gestern gemäht haben. Verschiedene Spiel- und Sportgeräte stehen herum und laden zum Ausprobieren ein. Schneescooter – Schilder weisen den Weg, den man im Winter mit diesen witzigen Motorrädern für den Schnee nehmen kann. Im Winter liegt der Schnee meistens einen Meter hoch, hat uns Stefan erzählt. Und es sei oft zwischen 0 und minus 10 Grad kalt. In Deutschland habe man wohl falsche Vorstellungen vom Winter. Egal, wir erfreuen uns am Sommer: Auf unserem Weg gibt es gaaaanz viele Himbeeren am Straßenrand. Goßartig. Edgar und Birgit futtern sich durch.
Edgar zieht es an den See. So schlendern wir hinunter und setzen wir uns an den uns schon wohlvertrauten Tisch. Hier werden wir die nächsten Stunden verbringen, und das Leben zu uns kommen lassen. Bei Hot Dog, Waffeln und einem Bierchen kann man es sich schon gut gehen lassen. Immer wieder mal kommen Familien und Kinder vorbei, Hamra und der Hemsjön scheinen ein richtiges Zentrum zu sein. Die Nähe des Sees, seine ruhige Oberfläche tut einfach gut und macht einen zufrieden. Zwischendurch schwimmen im gar nicht so kalten Wasser, Trampolin-Springen, auf den Holzstegen ins Wasser gehen und kleine Fische suchen... wenn man sich auf die Ruhe der schwedischen Natur, kann man sich gut erholen. Andreas, Torsten und Birgit ziehen nachmittags noch mal los, und klären mit Stefan und Christina die Abfahrt am nächsten Tages. Auf dem Rückweg kaufen sie ein, stehen in der Kassenschlange an und kehren zurück zum See. Nach weiteren Zeiten in dieser idyllischen Natur verabschieden wir uns vom See und ziehen Himbeeren futternd zum Haus zurück. Ein leckeres Abendessen mit Vorsuppe, Salat und Pilznudelgericht und schwedischem Bier rundet diesen Tag ab.
Samstag, 3. August 2002 – zurück in die Stadt
Wir stehen früh auf und packen unsere Koffer. Mit etwas Anstrengung bekommen wir alles wieder hinein. Vieles haben wir bei diesem tollen Wetter gar nicht gebraucht. Nach einem letzten kleinen Frühstück bringen wir unser Gepäck raus, machen noch einmal grob sauber und dann bringt Christina uns mit dem Bus nach Lillhamra an den Bahnhof, dieses eine Haus weit und breit.
Der Zug aus Mora lässt eine dreiviertel Stunde auf sich warten. Wir werden solange von dem Mann im Bahnhofshäuschen unterhalten. Seine Frau hat ihn bei unserer Ankunft aus dem Bett geklingelt, und dann kommt er und erzählt aus seinem Leben. Er hat einen langen Bart, berichtet über seine Familie, seine finanziellen Verhältnisse und erzählt nebenbei, dass wir die ersten sind, die er in Lillhamra aus der Inlandsbanan hat aussteigen sehen.
Fünf Stunden zockeln wir dann mit dem Zug nach Östersund. Einiges kommt uns schon bekannt vor – Bäume und Steine, Bäume und Steine, Bäume und Steine. Unberührte Natur – unendlich weite Wälder. Birgit erwartet wieder Elche oder Rentiere zu sehen und schaut dauernd nach draußen. Der Rhythmus der Bahnschwellen ist deutlich zu spüren. Und laut ist der Zug schon, da werden sich nur taube Tiere in die Nähe trauen.
In Östersund angekommen, bringen wir unser Gepäck ins Hotel und ziehen los in die Stadt. Die nette Dame im Hotel will derweil unsere Flüge für morgen bestätigen. Diesmal sind wir noch zentraler untergebracht und erreichen schon nach wenigen Minuten die Fußgängerzone. Andreas überlegt immer noch, in „Man in Black 2“ zu gehen. Wir überqueren den Marktplatz und hören dort dem „geschmiedeten Chor“ beim Singen eines Chorals zu. Wir entscheiden uns für eine Wirtschaft, die wie viele andere mit einer Holzterrasse auf die Straße ragt. Später spazieren wir zum See hinunter und genießen den Anblick des Wassers. Das Volksfest des letztes Wochenendes hat keine Spuren hinterlassen. Der Abend dämmert schon und der Himmel zeigt ein erstaunliches Farbenspiel. Mit etwas Wehmut nehmen wir Abschied vom See. Wir ruhen uns im Hotel etwas aus und ziehen dann noch einmal in eine Kneipe. Der Biergarten quillt über mit Menschen, die sich angeregt unterhalten. So suchen wir uns innen ein Plätzchen und verbringen dort noch ein paar Stunden.
Sonntag, 4. August 2002 – 2000 km bis nach Hause
Heute wird es nach Deutschland zurück gehen. Wir frühstücken mit ein paar anderen Gästen. Birgit fragt noch einmal wegen der Flüge nach und bekommt unbekümmert erzählt, dass gestern gesagt wurde, den Flug heute gebe es gar nicht. Birgits Herz sackt in die Hose, doch sie glaubt es nicht. Wenn dem - warum auch immer - so wäre? Was dann? Verlängerter Urlaub! Die Dame an der Rezeption bemüht sich noch einmal und hat dann die Nachricht, es sei doch alles okay. Wir ziehen ein letztes Mal zum See und sagen tschüss. Dann packen wir zusammen und fahren wir mit dem Taxi über die Insel Frösön zum Flughafen.
Nach dem Einchequen verbringen wir noch ein wenig Zeit auf dem Flughafen. Er ist schon ganz schön klein, aber er erfüllt seinen Zweck. Bei schönstem Wetter gehen wir an Bord der kleinen Maschine, decken uns mit Zeitungen ein und machen es uns bequem. Mal sehen, wie der Rückflug wird. Doch es geht nicht los. Irgendwann meldet sich der Kapitän bei uns und meint, es gebe ein kleines Problem. Der Starter des rechten Triebwerkes funktioniere nicht. Er würde alle Maschinen noch einmal starten, wenn wieder nichts anspringe, müsse eine andere Maschine aus Deutschland angefordert werden. Hier könne das niemand reparieren. So passiert es – nichts rührt sich auf der rechten Seite. Wir werden gebeten, wieder auszusteigen. Ein anderes Flugzeug soll von Hamburg starten und wird einen Techniker mitbringen. Dadurch werden wir eine Verspätung von über drei Stunden haben. Aber: ehrlich gesagt, es ist nicht auszuschließen, dass wir noch einen Tag in Östersund verbringen, und so kann man auch dieser Situation etwas Gutes abgewinnen.
Mit einem Gutschein ausgestattet, verbringen wir noch ein paar Stunden auf diesem kleinen Flughafen. Wir fühlen uns als kleine Schicksalsgemeinschaft. Torsten bestellt sich ein dickes Menü, fragt auch nach dem Verbleib, aber trotz aller Beteuerungen, es komme sofort, kommt das Essen nicht bei ihm an. Birgit sitzt mit ein paar anderen Fluggästen am PC des Informationsschalters und darf sich selbst die wichtigen Informationen aus dem Netz ziehen. (www.bahn.de.) Der Abholdienst in Deutschland muss umbestellt werden, jemand muss einspringen, um den Rückweg sicherzustellen.
Dann geht es wieder mit viel Kraft hoch, hinauf in den Himmel. Während des Fluges bieten sich wunderschöne Blicke an. Die vielen schwedischen Seen unter uns auf dem Weg nach Süden schimmern silbern in der Sonne. Über Deutschlands Süden müssen wir durch die Wolkendecke nach unten stoßen.
Ohne weitere Zwischenfälle kommen wir in Stuttgart an. Es regnet in Strömen. Unser Gepäck ist sofort greifbar. Wir düsen zum Bahnhof, denn wenn wir diesen Zug nicht bekommen, wird es etwas schwierig mit dem Heimkommen. Alles klappt ausgezeichnet. Ein Lob auf kleine Flughäfen mit kurzen Wegen! Umsteigen wie auf dem Hinweg, diesmal nur leider immer bei strömendem Regen, dann kommt Frankfurt, dann Marburg. Hier verabschieden sich Torsten und Birgit von Andreas und Edgar. Die beiden fahren noch weiter – auf Wiedersehen, vielleicht bis nächstes Jahr – vielleicht in Kuba.
Torsten N. |